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Bewusstsein

[EN: consciousness]

Paul Tholey, Frankfurt1)

Zu unterscheiden ist aus gestalttheoretischer Sicht zwischen dem erkenntnistheoretischen Bewusstseinsbegriff (auch ontologischer Bewusstseinsbegriff) als der Gesamtheit des phänomenal Gegebenen und eingeschränkteren phänomenologischen Bewusstseinsbegriffen wie etwa dem Begriff der phänomenalen Teilhabe (vgl. zu dieser Unterscheidung Duncker 1992).

Erkenntnistheoretischer Bewusstseinsbegriff

Wir gehen zunächst von einem erkenntnistheoretischen Bewusstseinsbegriff aus, weil sich von diesem aus am leichtesten durch Eingrenzung oder Abstraktion engere bzw. allgemeinere Bewusstseinsbegriffe einführen lassen.

In der Sprache der Gestalttheorie wird das Bewusstsein als die erlebte oder phänomenale Welt (d. h. wörtlich „erscheinende Welt”) bezeichnet, die der erlebnisjenseitigen Welt, physischen oder transphänomenalen („über das Erscheinende hinausgehenden„) Welt gegenübergestellt wird. Zu meinem augenblicklichen Bewusstsein bzw. zu meiner phänomenalen Welt (der Erscheinungswelt von P.T.) gehört einfach alles, was jetzt da ist und was jetzt geschieht: Ich selbst mit Leib und „Seele” (im Sinne meiner Stimmungen, Strebungen usw.), der Computer auf dem Schreibtisch, die Bücher an der Wand, der Kollege, der mich fragend anblickt; oder negativ bestimmt: Alles, was nicht mehr da ist und nicht mehr geschieht, wenn ich den sprichwörtlichen Schlag mit dem Hammer auf meinen physischen Kopf bekomme, der mich eben mein Bewusstsein verlieren lässt (vgl. Metzger 1966). (…)

Das Bewusstsein im erkenntnistheoretischen Sinn lässt sich nach vielerlei Gesichtspunkten mehr oder weniger klar unterteilen (vgl. Metzger 1966). Hierzu verwendet man häufig die raumsymbolischen Begriffe des „Innen” und „Außen”, die aber selbst wiederum in verschiedener Bedeutung gebraucht werden. Begreift man das Bewusstsein als phänomenale Welt, so liegt es z. B. nahe, zunächst unter dem „Innen” den eigenen phänomenalen Körper oder, in gestalttheoretischer Ausdrucksweise, das Körper-Ich zu verstehen, unter dem „Außen” die phänomenale Umgebung oder das phänomenale Umfeld, wobei beide Bestandteile der Erscheinungswelt auch unter dem Begriff phänomenales Gesamtfeld zusammengefasst werden. Mit dem Ausdruck „Feld” will man andeuten, dass in der Erscheinungswelt die einzelnen Teile und Bereiche in Analogie zu einem physikalischen Feld in enger Wechselwirkung zueinander stehen, „sich gegenseitig tragen und bedingen”, wie es der Gestalttheoretiker Köhler ausdrückt.

Ein anderer, von der streng räumlichen Analogie des „Innen” und „Außen” mehr abweichender Einteilungsgesichtspunkt liegt vor, wenn Metzger zwischen dem Innenwelt- und Außenwelt-Bewusstsein unterscheidet, und diesen beiden Bewusstseinsarten noch das Selbstbewusstsein gegenüberstellt. Zu letzterem gehört „das Bewusstsein dessen, wie es einem im Augenblick geht. wie es einem zumute ist, wozu man 'Lust hat'; also die ganze Welt der Stimmungen, Gefühle, Gemütszustande…und Strebungen, wie man sie an sich selbst unmittelbar erlebt und verspürt.” (Metzger 1966, 5). Diese Zustände und Vorgänge des Ichs kann man aber häufig nur in Bezug auf das phänomenale Innen- oder Außenwelt-Bewusstsein beschreiben, da die unmittelbare Bezogenheit (man denke z. B. an Liebe) zu ihrem Wesen gehört.

Phänomenologisch bestimmte Bewusstseinsbegriffe

Von diesem umfassenden Bewusstseinsbegriff kann man durch Eingrenzung zu engeren Bewusstseinsbegriffen gelangen. Die Begriffseinengung geschieht in der Regel dadurch, dass nur bestimmte Teilbereiche oder Momente, die unmittelbar von ihrer Erscheinungsart als subjektiv erlebt werden, als zum Bewusstsein gehörig betrachtet werden. Dies wäre zum Beispiel der Fall, wenn ich nur die subjektiv erscheinenden Stimmungen und Strebungen oder bestimmte („private“) Körperempfindungen. wie z.B. Schmerzen, aber nicht die objektiv und intersubjektiv („öffentlich zugänglichen„) erscheinenden Gegenstände zum Bewusstsein rechnen würde.

Im Speziellen ist hier noch auf einen anderen, ebenfalls phänomenologisch eingeführten Bewusstseinsbegriff hinzuweisen, der sich wohl am engsten an den üblichen Sprachgebrauch anlehnt. Er entstammt einem Aufsatz von Karl Duncker (1992), der Bewusstsein als „Teilhabe” eines phänomenalen „Ich” oder „Selbst” an einem phänomenalen „Gegenstand“ (bzw. „Ereignis”) einführt:

Aus phänomenologischer Sicht bedeutet Bewusstsein hier soviel wie die (sinnliche, vorstellungsartige oder gedankliche) Teilhabe des phänomenalen Ichs an phänomenalen Gegebenheiten. Duncker erläutert den Begriff der Teilhabe am Beispiel des Sehens (im phänomenologischen Sinn). ”Sehen hat den phänomenalen Grundzug von ‘Offen sein für‘ ‘Ich sehe den Baum‘ ist gleich-bedeutend ‘Ich habe (in einer bestimmten Weise) teil an dem Baum‘; oder ‘Der Baum ist mir in einer bestimmten Weise gegeben‘. Visuelle Teilhabe erfordert in erster Linie den Gegenstand, an dem wir teilhaben. In der wahren Natur der Teilhabe liegt die Unabhängigkeit, das In-sich-selbst-Sein ihres Gegenstandes im Hinblick auf den Akt der Teilhabe. In anderen Worten, Teilhabe an einem Gegenstand ist nicht Schöpfung des Gegenstandes” (Duncker 1947, 506; Übersetzung aus dem Englischen von PT).

Zur Unterscheidung von Bewusstsein im phänomenologischen und im ontologischen Sinn

Wenden wir uns nun dem Begriff des Bewusstseins im ontologischen Sinn zu. Hierunter versteht man das gesamte phänomenale Feld. Während der Bewusstseinsbegriff im phänomenologischen Sinn angemessen ist, weil hier klar zwischen einem Subjekt (dem phänomenalen Ich), einem Akt (der sinnlichen, vorstellungsartigen oder gedanklichen Teilhabe) und einem Gegenstand des Bewusstseins unterschieden werden kann, trifft dies für den Bewusstseinsbegriff im ontologischen Sinn nicht zu. Man wird nämlich dann leicht dazu verleitet, auch hier von einem Ich, das Bewusstsein hat, zu sprechen. So sagt z.B. Metzger (1966, 3), dass das Bewusstsein dasjenige sei, was ich habe, wenn ich wache, und was ich nicht habe, wenn ich traumlos schlafe. Hierzu habe ich in einem früheren Beitrag (Tholey 1980, 15) folgende kritischen Anmerkungen gemacht:

”Dass diese Redeweise irreführend ist, zeigt sich, wenn man danach fragt, was denn dieses Ich sein soll, welches das Bewusstsein hat. Sicherlich kann dieses Ich nicht phänomenaler Natur sein, da es ja dann selbst Bestandteil des Bewusstseins im hier verwendeten Sinn des Ausdrucks wäre. Sollte mit dem Terminus ‚Ich‘ der physische Organismus oder ein Teil von ihm gemeint sein, so wäre die Ausdrucksweise zumindest äußerst verwirrend. Versteht man unter ‚Ich‘ einen Dispositionsbegriff, so wie man etwa den psychoanalytischen Begriff des Ichs deuten kann, so beginge man einen Kategorienfehler (im Sinne Ryles 1969), wenn man das Ich als Träger des Bewusstseins auffasste. Es bleibt schließlich noch die Möglichkeit eines metaphysischen Ichs, das nicht nur transphänomenaler, sondern auch transphysikalischer Natur wäre, wie es in allen möglichen Variationen innerhalb des deutschen Idealismus auftaucht. Eines solchen Ichs bedarf es jedoch vom Standpunkt des kritischen Realismus aus nicht.”

Siehe auch:

Zitierte Literatur:


Paul Tholey: Gestalttheorie von Sport, Klartraum und Bewusstsein. Ausgewählte Arbeiten, hrsg. und eingeleitet von Gerhard Stemberger

Wien: Verlag Wolfgang Krammer

ISBN 978 3 901811 76 0 | 284 Seiten | Preis 36,00 Euro

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Inhaltsverzeichnis und Einführung von Gerhard Stemberger

1)
Der Text dieses Stichwortes wurde von Gerhard Stemberger aus Auszügen von Aufsätzen Paul Tholeys zusammengestellt, vor allem aus: Tholey, P. (1989): Bewusstsein, Bewusstseinsforschung, Bewusst Sein. Bewußt Sein, 1(1), 9-24; diese Aufsätze sind inzwischen neu veröffentlicht im Sammelband Paul Tholey (2017), //Gestalttheorie von Sport, Klartraum und Bewusstsein. Ausgewählte Arbeiten, herausgegeben und eingeleitet von Gerhard Stemberger//, Wien: Verlag Wolfgang Krammer.