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Die vier Hauptbereiche der Gestaltpsychologie

von Wolfgang Metzger (1954) *

Die Gestaltpsychologie besteht aus vier mehr oder weniger scharf voneinander abhebbaren Teilen, die je für sich erörtert werden können.

1. Methodenlehre

Sie ist — worauf wir bisher noch nicht eingegangen sind — zunächst eine Methodenlehre. Sie hat das Verfahren der „ganzheitlichen Betrachtung„, das schon in DILTHEYS Erneuerungsversuch eine Rolle spielte, zum ersten Mal in grundsätzlicher Schärfe und im Bewusstsein seiner Bedeutung der altüberlieferten isolierenden Elementar-Analyse als gleichberechtigtes Verfahren gegenübergestellt. Und sie hat einen entscheidenden Schritt über DILTHEY hinausgeführt, indem ihr der theoretische und praktische Nachweis gelang, dass die ganzheitliche Betrachtung keinen Verzicht auf Strenge, Exaktheit und Entscheidbarkeit zu bedeuten braucht, keine Rückkehr zu dem vor- und halbwissenschaftlichen Genügen an einleuchtenden Deutungen, zur „Methode der schlichten Behauptung“, wie sie in Zweigen der Psychologie, die sich geisteswissenschaftlich nennen, besonders im deutschsprachlichen Bereich im letzten halben Jahrhundert, vielfach vollzogen wurde. Vor allem hat sie demonstriert, dass ganzheitliche Betrachtung und Experiment sich nicht ausschließen, wie DILTHEY noch glaubte, und wie manche seiner Schüler es ihm bis heute nachschreiben. Ganzheitliche Betrachtung bedeutet, dass man den fraglichen Sachverhalt in seiner Einbettung, in seinem Umfeld, in seiner Rolle und Bedeutung in umfassenderen Zusammenhängen zu sehen versucht, dass man nicht mit eingeengtem Blick immer auf die örtlichen Bedingungen starrt, sondern an die Möglichkeit außerörtlicher Bedingungen denkt. Zu diesem Umfeld jedes psychischen Sachverhalts gehört die Gesamtsituation, die gegenwärtige leiblich-seelische Verfassung, die Bedürfnislage, Einstellung und Haltung des Subjekts, ebenso wie seine Vorgeschichte, seine bisherigen Schicksale, seine „Erfahrungen„, als die Gesamtheit dessen, was er bisher gelernt, eingesehen und geübt hat. Wenn es zeitweise den Anschein hatte, als wolle man in der Gestaltpsychologie diese Teilgebiete der weiteren Umgebung jedes seelischen Geschehens vernachlässigen oder ihre Bedeutung leugnen, so war dies eine Täuschung, die nur dadurch entstehen konnte, dass es zunächst nötig war, mit besonderem Nachdruck auf die Bedeutung der in der überlieferten Psychologie völlig vernachlässigten näheren und unmittelbaren Umgebung hinzuweisen. — Über den Ertrag der Verbindung von ganzheitlicher Betrachtung und Experiment besteht kein Zweifel.

2. Phänomenologie

Die Gestaltpsychologie ist zweitens Phänomenologie. Von diesem ihrem phänomenologischen Zweig handelte der erste Teil dieser Ausführungen. Er stellt einen durch eine reiche Fülle von Befunden gesicherten Wissensbestand dar.

3. Dynamische Theorie

Der dritte, dynamische Teil der Gestaltpsychologie, dem der zweite Teil unserer Ausführungen gewidmet war, ist eine wohlfundierte Theorie von ungeahnter und noch längst nicht erschöpfter Fruchtbarkeit (vgl. METZGER 1949); wie außer der schon erwähnten Theorie des produktiven Denkens vor allem die Fülle der willens- und sozialpsychologischen Arbeiten Kurt LEWINS und seiner Schüler beweist.

4. Psychophysischer Ansatz

Der an vierter Stelle zu nennende psychophysische Ansatz — der Isomorphismus – gewissermaßen die exponierteste Stellung der Gestalttheorie, ist eine Arbeitshypothese; die sich aber in z. T. eigenen Untersuchungen ebenfalls schon als fruchtbar erwiesen hat. Ich selbst bin überzeugt, dass diese Arbeitshypothese sich mit der Zeit ebenfalls zu einer Theorie verdichten wird. Aber selbst wenn diese Hoffnung trügerisch wäre, so würde dies auf die Gültigkeit des methodischen, des phänomenologischen und des dynamischen Teils der Gestalttheorie überhaupt keine Rückwirkung haben. Denn den viel beredeten „Physikalismus“ der Gestalttheorie gibt es trotz der „Physischen Gestalten„ und der Hirnstrom-Untersuchungen W. KÖHLERS nicht: Es entscheidet für uns über das, was wir als psychologisch möglich betrachten, nicht unser physikalisches Wissen; sondern umgekehrt entscheidet ausschließlich die Phänomenologie über das, was an physikalischen Vorgängen den Erscheinungen möglicherweise zugeordnet ist. Und noch mehr: wir sind überzeugt, dass die Phänomenologie uns eine überwältigende Fülle von Einsichten in das Wesen des Seins gewährt, die allen physikalischen Methoden grundsätzlich und für immer verschlossen sind.


* Aus: W. Metzger (1954), Grundbegriffe der Gestaltpsychologie. In: W. Metzger (1986), Gestalt-Psychologie. Ausgewählte Werke aus den Jahren 1950 bis 1982, herausgegeben und eingeleitet von Michael Stadler und Heinrich Crabus, Frankfurt: Waldemar Kramer, 124-133, dieser Auszug: 132-133. Die Zwischenüberschriften wurden redaktionell eingefügt.


Das klassische Grundlagenwerk zur Gestalttheorie

Wolfgang Metzger: Psychologie. Die Entwicklung ihrer Grundannahmen seit der Einführung des Experiments

Wien: Verlag Wolfgang Krammer

ISBN 978 3 901811 07 9 | 407 Seiten | Preis 45,00 Euro

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