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dialog

Dialog; Dialogische Trias in der Psychotherapie

[EN: dialogue; the Dialogic Triad in psychotherapy]

Zum dialogischen Arbeiten in der Psychotherapie

Die besondere Form des Dialogs in der Gestalttheoretischen Psychotherapie, die ursprünglich auf das Psychodrama von J. Moreno und die Gestalt-Therapie von F. S. Perls zurückgeht (vgl. Kaestl 2014; zur besonderen gestalttheoretischen Interpretation siehe Stemberger 2014), hilft der Klientin, eine differenzierte Sicht ihrer Situation und ihrer eigenen Möglichkeiten zu gewinnen und zu einer Entscheidung zu kommen, was sie selbst in der gegebenen Situation will. Neben dem direkten Gespräch zwischen der Psychotherapeutin und der Klientin dient im Sinne einer veränderungsaktivierenden Kraftfeldanalyse des Lebensraumes nicht zuletzt die „Arbeit mit dem leeren Stuhl“ dazu, die Klientin in der Identifikation mit wichtigen noch lebenden oder bereits verstorbenen Bezugspersonen, Teilpersönlichkeiten, Traumfiguren, gegensätzlichen Auffassungen, Körperempfindungen und Gesten mit sich selbst und wichtigen Mitmenschen in ihrer phänomenalen Welt ins Gespräch kommen zu lassen.

Durch die Technik des Doppelns, des empathischen Begleitens und Mitgehens im Bewusstseinsfluss durch die Psychotherapeutin, kann der Dialog noch prägnanter werden. Im Verlauf des Dialoges vertiefen sich zunächst die inneren Gegensätze und Widersprüche, bis es über ein tieferes Erleben und Verständnis der zugrundeliegenden Feldkräfte schließlich zur Annäherung und Integration - z.B. von widersprüchlichen Persönlichkeitsanteilen - kommt. Eine erfolgreiche Integration im Prozess des Dialoges kommt in nachhaltigen positiven Verhaltens- und Erlebnisänderungen zum Ausdruck.

[Eine eingehendere Behandlung dieser Formen des dialogischen Arbeitens in der Psychotherapie findet sich bei Zabransky 2018]

Die Dialogische Trias in der Psychotherapie

Finden sich solche und ähnliche Charakterisierungen des dialogischen Arbeitens auch in anderen Therapiemethoden, so geht die dialogische Auffassung in der Gestalttheoretischen Psychotherapie noch wesentlich weiter. Gerhard Stemberger hat sie 2022 im Anschluss vor allem an die Überlegungen von Mary Henle im Konzept der Dialogischen Trias zusammengefasst:

Das Konzept der Dialogischen Trias in der Gestalttheoretischen Psychotherapie beruht auf der Annahme, dass es zwischen dem „inneren Sprechen“ der Klientin, ihren Dialogen „außen“ im Lebensalltag und ihrem Sprechen mit ihrer Therapeutin Wechselbeziehungen gibt, die therapeutisch aufgegriffen und genutzt werden können. In der Art dieses Sprechens kommen nämlich dieser Annahme zufolge wichtige Aspekte ihrer Beziehung zu sich selbst, der Beziehungen zwischen ihr und ihren Mitmenschen und der Beziehung zwischen ihr und ihrer Therapeutin zum Tragen (vgl. Stemberger 2022, 20f.; Beneder 2023). Indem in der Psychotherapie dieses dreifache Sprechen aufgegriffen wird, können diese Beziehungen und ihre Wechselwirkung untereinander deutlicher und einer Überprüfung und Veränderung zugänglich werden.

Erfahrungen aus der psychotherapeutischen Praxis verleihen diesen Annahmen Plausibilität (zur Forschungsevidenz siehe Böhm & Stemberger 2024). So lässt sich in Therapieverläufen beobachten, dass Klientinnen im Zuge ihrer Therapie im gelungenen Fall nicht nur die Probleme und Belastungen überwinden, die sie in die Therapie geführt haben, sondern es zugleich auch zu konstruktiven Veränderungen in ihrer Beziehung zu sich selbst und in ihrer Beziehung zu anderen kommt. Und dass sich das auch darin zeigt, wie sie mit sich und anderen und über sich und andere sprechen, sei dies „innerlich“ oder auch unmittelbar in der zwischenmenschlichen Kommunikation.

"Inneres" Sprechen und Dialogische Trias

Die Forschung zum „inneren“ Sprechen lässt sich über einen Zeitraum von neun Jahrzehnten zurückverfolgen. Inneres Sprechen als entwicklungspsychologischer Prozess bei Kindern wurde bereits von Jean Piaget und Lew Wygotski aufgegriffen und von Alexander Luria weiterverfolgt (vgl. Stemberger 2022). In der gestaltpsychologischen Forschung sind vor allem Mary Henle und Karl Duncker zu nennen, die sich zum einen mit dem inneren Verbalisieren als Klärungsprozess beim Lösen von Problemen (Duncker), zum anderen mit inneren Gesprächen als „phänomenale Form des Wechselspiels verschiedener Ich-Funktionen […] für die Orientierung und Verhaltenssteuerung des phänomenalen Ich in seiner phänomenalen Umwelt“ (Stemberger 2022, 19) auseinandergesetzt haben (Henle).

Das Konzept der Dialogischen Trias in der GTP beschäſtigt sich nicht exklusiv oder vorrangig mit den „inneren“ Gesprächen. Es geht in diesem Konzept vielmehr um die Wechselbeziehungen zwischen 1) den innerpersonalen Beziehungen einer Person, wie sie in ihren inneren Dialogen zum Ausdruck kommt, und 2) den Beziehungen der Person zu wichtigen Menschen in ihrer Lebenswelt, wie sie in der Kommunikation mit diesen zum Ausdruck kommt, sowie schließlich 3) mit der psychotherapeutischen Beziehung, wie sie in ihrem Gesprächsverhalten mit ihrer Therapeutin zum Ausdruck kommt. Dieser dritte Bereich ist natürlich Teil des zweiten, ist im Konzept der Trias aber gesondert hervorgehoben, weil es der in der Psychotherapie unmittelbar zugängliche Teil der interpersonellen Beziehungen der Klientin ist, an dem Klientin und Therapeutin in der psychotherapeutischen Situation selbst mit ihren Beobachtungen und mit Versuchen der Neugestaltung ansetzen können.

Literatur zum dialogischen Arbeiten allgemein:

Literatur zu Theorie und Praxis der Dialogischen Trias:

dialog.txt · Zuletzt geändert: 23.12.2024 18:29 von stemberger